Schäuble lässt Bundestrojaner weiterentwickeln

 

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat den Entwicklungsstopp für den heftig umstrittenen Bundestrojaner beim Bundeskriminalamt (BKA) wieder aufgehoben. Dies berichtet der Spiegel in seiner kommenden Ausgabe. Der CDU-Politiker treibt demnach sein Prestigeprojekt der heimlichen Online-Durchsuchung gegen alle Widerstände weiter voran.

[Quelle: Heise]

Hmmm, sind "Prestigeprojekte" nicht diese Projekte, die immer um den Faktor 10 oder 100 teurer werden, als geplant? :-)

Der Bundestrojaner (offiziell "Remote Forensic Software"). Ok, wie kann/soll er funktionieren? Grundsätzlich sind ja 2 Möglichkeiten im Gespräch:

  1. Vor-Ort-Auftauchen eines BKA-teams und implementieren eines, auf dieses System, zugeschnittenen Trojaners.
  2. "Online-Zugriff" auf das System und "Einschleusen" einer Software.

Punkt 1 hat ein paar Haken: Extremer Aufwand, geringe Abdeckung (wenige Überwachungen), Unauffällige Installation ist schwierig und, wie ich finde, einer der wichtigsten Punkte: schon die Installation eines solchen tools verändert das zu überwachende System, daher sind die Ergebnisse zumindest anzuzweifeln (Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor an der Technischen Universität Dresden).

Diese Methode fällt meiner Meinung nach fast schon weg, da der zeitliche, personelle und finanzielle Aufwand für eine Überwachung im Großen Stil definitiv zu groß wäre.

Ok, kommen wir zu Weg 2: Einschleusen einer Software, die, mindestens in eingeschränktem Maße, Daten mitloggt. Dass solch ein "Einschleusen" grundsätzlich funktioniert, sieht man an der Anzahl der aktuell im Umlauf befindlichen Trojaner. Allerdings, funktioniert es da, wo es funktionieren soll? Dass sich Hausfrau Lieschen Müller, die 30 Minuten die Woche am PC verbringt, diesen Trojaner einfangen kann, weil sie in der falschen Mail den Anhang öffnet, oder der 15-jährige Bob, der ständig unbedarft auf Pornoseiten surft, ist ja einleuchtend. Aber: trifft das auch auf die Personen zu, die wirklich etwas zu verbergen haben (und ich rede jetzt mal nicht von 2 geklauten .mp3s)? In Diskussion war auch das Einschleusen der Software über die vorhandenen Überwachungsschnittstellen bei den Providern (quasi eine klassische Man-in-the-middle-Attacke). Selbst wenn sich jemand solch einen Trojaner eingefangen hat, gibt es immer noch einige Variablen, die hier "Probleme" machen könnten, wie z. B. Betriebssystem (Windows, Linux, Mac, BSD, …) Personal Firewall, Hardwarefirewall (z. B. auf dem Router), Benutzerkontext (arbeitet derjenige als Administrator/root oder als extrem eingeschränkter Benutzer), Benutzung von Virtuellen Maschinen, usw. Des weiteren, um vor Gericht vernünftig verwertbar zu sein, müssten die gewonnenen Ergebnisse auf sehr sicherer Weise gespeichert/übertragen werden und alles müsste sehr nachvollziehbar sein.

Ich bezweifle, dass sich die Politiker im klaren darüber sind, was für Hürden hier im Wege liegen, wie lückenhaft diese Art der Überwachung ist und was alles dagegen unternommen werden kann. Ein Großteil der Antiviren-Hersteller hat angekündigt, einen eventuellen "Bundentrojaner" als Schadsoftware zu erkennen, und diesem keinen Freischein zu geben. Es ist halt nicht immer alles so einfach, wie man es gerne hätte. Und ein einfaches "Wir schreiben jetzt eine remote-Überwachungssoftware" genügt nicht, es muss erst noch durchgeführt werden.

Bei all dem Hype und der Panikmache um den "Bundestrojaner" (und all der Abneigung dagegen und der notwendigen Vorsicht), bin ich momentan der Meinung, dass so ein Tool nicht gegen ernsthaft gefährliche und ausreichend bewanderte Personen helfen wird- wenn man weiß wie, sind die Abwehrmöglichkeiten (z. B: die die Fähigkeiten einer modernen Hardwarefirewall oder eines Proxies) ziemlich umfangreich.

Ich lasse mich hier aber gerne auch auf Diskussionen ein.

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